© Carolin Holzhäuser

Meine Patenschaft für die bedrohte Journalistin Štefica Galić

„Menschenrechtsverteidiger und bedrohte Parlamentarier brauchen weltweit Schutz“ – das ist der Leitgedanke des Patenschaftsprogramms des Deutschen Bundestages „Parlamentarier schützen Parlamentarier“. Im Juni 2019 wurde Štefica Galić ins Patenschaftsprogramm aufgenommen und ich habe ihre Patenschaft übernommen.

Štefica Galić ist eine bosnisch-kroatische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin. Im Bosnienkrieg rettete sie gemeinsam mit ihrem Mann Nedjo Galić vielen Bosniakinnen und Bosniaken das Leben. Mittels gefälschter Einladungsbriefe gelang es ihnen, Menschen vor der Deportation zu retten oder aus Lagern zu befreien. In nicht-nationalistischen Kreisen gelten beide deshalb als die „Schindlers aus Ljubuški“. 2012 wurde mit einem Dokumentarfilm die Rolle von Štefica Galić und ihrem Mann während des Bosnienkriegs öffentlich.

Seitdem ist sie Zielscheibe kroatischer Nationalisten. Sie wird als Verräterin diffamiert und ist massiven Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, Drangsalierungen und körperlichen Übergriffen ausgesetzt. Die OSZE verurteilte die Übergriffe auf Štefica Galić mehrfach.

Angesicht nicht abreißender Anfeindungen, musste Štefica Galić ihr Heimatdorf Ljubuški  verlassen und lebt seitdem mit ihren Kindern im muslimischen Teil von Mostar. Noch heute gilt sie als „Nestbeschmutzerin“, da verurteilte Kriegsverbrecher vielerorts noch immer als Helden verehrt werden: Als sich Slobodan Praljak, ehemaliger General der kroatisch-bosnischen Armee (HVO), während seiner Verurteilung durch das Jugoslawien-Tribunal (ICTY) im November 2017 in Den Haag vergiftete, wurden vielerorts in Bosnien und Kroatien Gedenkminuten zu seinen Ehren abgehalten.

Ihr mutiges Engagement für einen offenen Aussöhnungsprozess und die Aufklärung der durch die bosnisch-kroatische Armee begangenen Kriegsverbrechen ist bis heute – aller Widerstände zum Trotz – ungebrochen. Auf ihrem Internetportal tacno.net informiert sie über die verurteilten Täter und die Orte der ethnischen Säuberungen. Zudem vermittelt sie mit ihrer Schule des kritischen Denkens jungen Menschen eine neue Perspektive, jenseits von Hasspropaganda und völkisch-nationalistischem Gedankengut. In workshops, die für alle Interessierten offen sind, werden vermeintliche Kriegsheldengeschichten hinterfragt und nationalistisch-rassistische Narrative dekonstruiert. Außerdem zeigt sie, wie es mit Hilfe von Kunst, Philosophie und Journalismus gelingen kann, ein Gegennarrativ zu schaffen, das auf kritischem Denken und friedlichem Miteinander beruht.

Štefica Galić wurde im Dezember 2018 mit dem Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit ausgezeichnet. Seitdem sind die Übergriffe zumindest zahlenmäßig zurückgegangen. Regelmäßige Anfeindungen und eine enorme psychische Belastung bleiben.

 

Am 07. September 2019 wurde unsere Patenschaft im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung 20 Jahre Heinrich-Böll-Büro in Bosnien und Herzegowina öffentlich.

Meine Rede ist hier nachzulesen:

 

„Liebe Marion, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gäste,

Heinrich Böll hat einmal gesagt: „Es geht darum, Raum für Freiheit und Mut freizuhalten. Der Mut der freien Menschen muss einen Platz haben.“

Und genau diesen Raum für Freiheit, diesen Platz für Mut, stellt ihr, liebe Marion, lieber Walter, liebe Ellen mit Eurer grünen Stiftungsarbeit den Menschen an so vielen Orten auf der Welt und auch hier in Sarajevo zur Verfügung.

Auch deshalb sind 20 Jahre grüne Stiftungsarbeit in Bosnien und Herzegowina ein Grund zum Feiern. 20 Jahre grüne Stiftungsarbeit sind aber auch Anlass, um von ganzem Herzen DANKE zu sagen. Danke für Euer unermüdliches Engagement, für Eure so wichtige Unterstützung der Zivilgesellschaft. Danke, dass ihr so vielen Menschen Mut macht und Raum für Freiheit schafft.

Gerade in einem Land wie Bosnien, wo der Krieg auch nach 25 Jahren noch sehr präsent ist, wo viele noch immer auf ein Klima der Angst statt auf ein Klima der Aussöhnung setzen – gerade hier ist es so wichtig, vor allem diejenigen zu unterstützen, die mutig sind. Die den Mut haben, sich für ein Miteinander statt Gegeneinander einzusetzen. Die den Mut haben, grausame Kriegsverbrechen aufzuarbeiten statt sie zu glorifizieren. Die den Mut haben, sich von Anfeindungen nicht einschüchtern zu lassen. Die den Mut hatten, ihr Leben zu riskieren, um anderen das Leben zu retten. Die den Mut haben, im besten Sinne Mensch zu sein.

In Bosnien gibt es viele Menschen, die genau diesen Mut haben. Eine davon ist Štefica Galic.

Štefica und ich haben uns im März dieses Jahres kennengelernt. Ihr Engagement hat mich – sofort – tief beeindruckt und tief bewegt.

Štefica setzt sich seit Jahren für Aussöhnung und für die Aufklärung von Kriegsverbrechen ein. Auf ihrem Internetportal „tacno.net“ informiert sie über verurteilte Täter und Orte von ethnischen Säuberungen. Sie schafft damit Fakten in einer Region, in der Kriegsverbrechen noch immer glorifiziert werden und Kriegsverbrecher sich als Helden oder gar als Opfer sehen – aber nie als Täter. Mit ihrer „Schule des kritischen Denkens“ vermittelt Štefica jungen Menschen eine neue Perspektive, jenseits von Hasspropaganda und nationalistischem Gedankengut. Sie hinterfragt vermeintliche Kriegsheldengeschichten und beweist, dass kritisches Denken zu einem friedlicheren Miteinander führen kann.

Und mehr noch: Im Bosnienkrieg hat sie gemeinsam mit ihrem Mann vielen Bosniakinnen und Bosniaken das Leben gerettet. Dafür kann ich ihr, können wir ihr nur von ganzem Herzen danken.

Doch leider sehen das hier und in der Region nicht alle so. Ranghöchste Politikerinnen und Politiker verfolgen noch heute die Kriegsziele von damals: die Schaffung von ethnisch vermeintlich reinen Gebieten. In Šteficas Heimatregion ist der Geist von „Herzeg-Bosna“, dem kriminellen Parastaat, noch immer lebendig. Für ihr Engagement zahlt sie deshalb einen sehr hohen Preis. Štefica wird von kroatischen Nationalisten als Verräterin diffamiert und ist seit Jahren massiven Drohungen und Übergriffen ausgesetzt.

Der Westbalkan, Bosnien und insbesondere Sarajevo sind für mich als überzeugten Europäer eine Herzensangelegenheit. Hier laufe ich durch die Straßen und sehe überall ein Brennglas europäischer Geschichte. Hier wurde die europäische Vision eines friedlichen Miteinanders lange gelebt. Hier ist die EU in den 90er Jahren aber auch ein stückweit gestorben. Hier ist Europa noch nicht fertig.

Aber Bosnien ist Teil der europäischen Familie. Bosnien gehört in die EU! Auch deshalb ist es unerlässlich, dass Menschen wie Štefica, die unsere gemeinsamen europäischen Werte alltäglich leben, unterstützt werden.

Štefica und ich haben die letzten Monate gemeinsam überlegt, wie eine solche Unterstützung aussehen kann. Und unsere Überlegungen hatten bislang ein konkretes Ergebnis:

Im Juni wurde Štefica ins Patenschaftsprogramm für gefährdete Menschenrechtsverteidiger*innen des Deutschen Bundestages aufgenommen – und ich habe ihre Patenschaft übernommen. Das Programm ist zwar rein symbolischer Natur, die Unterstützung muss aber nicht ohne Wirkung bleiben. Štefica hat nun mit mir eine direkte Ansprechperson im Deutschen Bundestag. Wir werden regelmäßig in Kontakt bleiben und sicher auch das eine oder andere gemeinsame Projekt starten. Und sollten Anfeindungen wieder zunehmen, werde ich alles, was in meiner Macht steht, tun, um ihr zu helfen.

Es ist wichtig, dass Kriegsverbrecher verurteilt und nicht glorifiziert werden. Es ist wichtig, dass Übergriffe auf Journalisten und Menschenrechtsverteidigerinnen sichtbar werden und nicht ungestraft bleiben. Demokratie, Rechtstaatlichkeit und Meinungsfreiheit sind nicht verhandelbar.

Ich freue mich auf unsere Patenschaft, liebe Štefica, und hoffe, dass wir gemeinsam neue Räume für Mut und Freiheit schaffen werden.

Vielen Dank, dass Du Dich aller Widerstände zum Trotz für Aussöhnung und Frieden einsetzt. Danke, dass Du so ein aufrichtiger und mutiger Mensch bist.“