Menschenmenge vor schwarzem Quader, im Hintergrund das weiße Altonaer Rathaus

CC-BY-SA-3.0 Manuel Sarrazin

Gewollt, gehasst, gewürdigt

Die Palmaille in Altona war in den 1920ern jedem Mitglied der jüdischen Gemeinde in Hamburg und Altona bekannt: An der jüdischen Schule wurden Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet und im Schulgarten mit Blick auf die Elbe fand Freiluftunterricht statt. Außerdem war die Palmaille das Zuhause der angesehenen Familie Cahlebach, deren Oberhaupt Joseph Carlebach Oberrabiner Altonas war und von 1921 bis 1925 die Talmud-Tora-Schule am Grindel leiten sollte.

Am vergangenen Sonntag hatten Manuel Sarrazin, GRÜNER Bundestagabgeordneter aus Hamburg, und Mareike Engels, GRÜNE Bürgerschaftsabgeordnete aus Altona, zu einem Rundgang auf den Spuren des jüdischen Lebens eingeladen. Bei gutem Wetter waren über 60 Interessierte der Einladung gefolgt.

 

„Seit den 1980ern fordern die Bürgerinnen und Bürger ein öffentlich sichtbares Gedenken an jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger während der NS-Zeit. Es gibt gerade in Hamburg viel mehr zu sehen als nur Stolpersteine und Gedenktafeln“, so Anna Prochotta, Stadtführerin bei stattreisen. Sie führte von Station zu Station, die Gruppe lauschte neugierig ihren fachkundigen und einfühlsamen Einblicken in das jüdische Leben vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Schon im 16. Jahrhundert entschieden sich jüdische Kaufleute von der iberischen Halbinsel für eine Niederlassung in Altona. Die frühe jüdische Gemeinschaft profitierten von der Religionsfreiheit, die dänischen Regenten profitierten von den guten Handelsbeziehungen. Zum Ende des 17. Jahrhunderts war Altona das Zuhause vieler askenasischer und sefadischer Juden.

Betti Levi war eine ganz normale Hausfrau. Sie spielte gerne Klavier, war eine liebevolle Hausfrau, Ehefrau und Mutter. Eine „Gleiche unter Gleichen“ – wäre da nicht ihr Lebensende mit Armut, Enteignung und Deportation nach Ausschwitz. „Die Biographie der Namensgeberin für die Betti-Levi-Passage steht exemplarisch für die ganz normalen Biographien, die durch die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten grausam beendet wurden.“, so Mareike Engels, frauenpolitische Sprecherin der Bürgerschaftsfraktion.

Nach dem Altonaer Blutsonntag am 17. Juli 1932 mit 18 Toten und Zusammenstößen von SA und Kommunisten versuchten die evangelischen Pastoren Altonas mit dem „Altonaer Bekenntnis“ der Gewalt Grenzen zu setzen.
Der studierte Historiker Manuel Sarrazin zieht Parallelen zur Gegenwart: „Deutschland hat gelernt, mit dem Gedenken an die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung umzugehen. Alle Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik tragen heute die Verantwortung, eine laute Stimme gegen Ausgrenzung und Hetze zu sein.“

Die bunte Gruppe von 60 Leuten spazierte gemütlich von Station zu Station.

Schlussstation war der jüdische Friedhof an der Königstraße – einem Ort, der durch seine Ruhe und Schatten spendenden Bäume zum Reflektieren einlädt. Früher durften keine Blumen und keine Früchte tragenden Bäume auf jüdischen Friedhöfen blühen. Doch die Traditionen ändern sich – und das jüdische Leben trägt neue Blüten.

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