Bericht: Fracking-Trecking-Tour nach Rotenburg/Wümme

No Fracking! Ist das nur ein Schlachtruf von Umweltschützern oder ist etwas dran an den Warnungen über die neue Form der Gasgewinnung und ihren Begleiterscheinungen? Droht Deutschland – ähnlich wie mit den Atommüllendlagern – eine neue tickende Zeitbombe aus Erdbewegungen und Gift unter der Erde?

Bericht von Gundi Hauptmüller, KV Harburg-Land

Eine Gruppe Grüner und einige Interessierte aus Hamburg und dem Landkreis Harburg hat sich Ende August aufgemacht, um in der Region Rotenburg/Wümme, wo seit mehreren Jahren Gas gewonnen wird, Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln.

Die erste Station der Erkundungstour war der Wasserbeschaffungsverband in Rotenburg/Wümme. Geschäftsführer Volker Meyer nahm sich persönlich die (Frei)Zeit und berichtete. Die Rotenburger Rinne ist das wichtigste Wasserreservoir der Region. Mit ihr wird selbst noch die Bremer Bevölkerung mit Wasser versorgt. Dessen ungeachtet, gibt es eine Gasbohrung mitten in der Rinne.

Sorgen bereitet ihm vor allem, wie das sogenannte Lagerstättenwasser, Wasser das bei der Gasgewinnung verwendet wurde und das diverse Giftstoffe, u.a. Benzol und Quecksilber beinhalten kann. Es muss dauerhaft vom Trinkwasser getrennt werden. Mit seinen Erfahrungen von Wasser und Geologie kann er eine solche Vermischung nicht ausschließen. Sein Verband fordert deshalb, dass in der Nähe wertvoller Wasserreservoirs nicht gefrackt werden darf. Außerdem ist ihm extrem wichtig, dass die Haftungsfrage geklärt wird. Damit die Profiteure des Frackings auch in Jahrzehnten noch für die Folgen haftbar gemacht werden können und diese dann nicht von der Allgemeinheit getragen werden müssen.

Ein netter kleiner Grünstreifen! Mitnichten, hier handelt es sich um ein vom Lagerstättenwasser vergiftetes Stück Land. Andreas Brandt, Bürgermeister von Völkersen informiert: „Die Hälfte des gewonnen Gases wird mit Hilfe von LKW abtransportiert. Die andere Hälfte über Leitungen. Die unter dem Grünstreifen liegende Leitung hat das Grundwasser konterminiert. Mit der Reinigung der vergifteten Flächen lässt sich der Betreiber RWE/DEA jedoch unheimlich Zeit. Ein unhaltbarer Zustand!“ Sein Fazit: „Das Gift kommt aus der Erde.“ Ausführlich berichtet Brandt auch von dem Erdbeben in seiner Region und den Schäden für die Hauseigentümer und Landwirte. Brandt verweist darauf, dass sich in allen Ländern, in denen gefrackt wird, die Zahl der Erdbeben erhöht hat. Nachvollziehbar, den mit der Methode, werden im Erdinneren Risse erzeugt. Wenn diese mit Fremdstoffen wie beispielsweise dem vergifteten Lagerstättenwasser verfüllt werden, kommt es verstärkt zu Reaktionen im Erdreich. Das können Absenkungen der Erdoberfläche sein oder Erdbeben.

Bürgermeister Brandt, übrigens von der SPD und kein Fracking-Gegner, fordert, dass Lagerstättenwasser nach der Abfallentsorgungsrichtlinie behandelt werden muss. Es darf nicht wie „normales“ Wasser behandelt werden, da es giftige Fremdstoffe beinhaltet. Des Weiteren fordert auch er, wie Volker Meyer vom Wasserbeschaffungsverband, dass die Haftungsfrage anders geregelt werden muss. Bislang muss jeder Hausbesitzer nachweisen das Schäden unmittelbar durch das Fracken entstanden sind. Ein fast unmögliches Unterfangen. Sein Fazit: „Immer nur wenn öffentlicher Druck da war, haben wir etwas erreicht.“

Die nächste Station führt nach Wittorf. Ein idyllisches Dörfchen mit einer alten Wassermühle. Jeder Reisende erfreut sich des vielen Grüns. Kein Reisender würde an den silbernen Tanks und grünen Containern anhalten. Die Fläche musste Landwirt Joachim Oyhus gegen seinen Willen an den Gasbetreiber abtreten. Andernfalls wäre er enteignet worden. Das war vor rund dreißig Jahren. Seit dem wurde die Fläche ganz unterschiedlich vom Gasbetreiber RWE/DEA genutzt. Gegenwärtig wird dort Lagerstättenwasser zurück in die Erde gepresst.

Oyhaus findet dass das Landesbergbauamt stärker kontrolliert werden muss, damit dieses wiederum verstärkt die Bohrungen und vor allem das Verklappen des Lagerstättenwassers kontrolliert. Im Moment meint er, findet das zu wenig statt. Und so wundert es ihn nicht, dass hier Rohre zwischengelagert waren, die nachweislich mit Quecksilber behaftet waren. Auch als 2011 Lagerstättenwasser austrat und 2012 als Teile der Anlage brannten gab es keinerlei Informationen für die Dorfbewohner. Oyhaus Fazit: „Wittorfer werden informativ verhungern gelassen.“

Klaus Hoyns, ehemaliger Bürgermeister von Wittorf und als Mitglied der CDU erst einmal nicht in dem Verdacht stehend ein dogmatischer Umweltschützer zu sein, beklagt ebenfalls die mangelnde Transparenz. Niemand im Ort wüsste, was hier in die Erde gepumpt würde. Die Feuerwehren wüssten somit nicht, wie sie sich im Notfall verhalten sollten. Von den Langzeitfolgen einmal ganz abgesehen. Da es in der Region zu erhöhten Krebserkrankungen kommt, hat er sich an die Landesregierung gewandt. Er will eine Langzeitstudie für sein Dorf erreichen, in dem der Zusammenhang zwischen Fracking und Gesundheitsschäden an der Bevölkerung erforscht wird. So wundert es nicht weiter, dass auch Bürgermeister Hoyns die Beweislastumkehr bei Haftungen fordert. Im Moment müsste jeder Erkrankte selbst den Nachweis dafür erbringen, dass es einen Zusammenhang mit dem Fracking gibt. Und wie soll das gehen, wenn es wiederum keinerlei Informationen über die Inhaltsstoffe des Lagerstättenwasser gibt? Ein zynischer Kreislauf, den er durchbrechen möchte mit seiner Forderung nach einer Studie.

Alles sicher? An dieses Gebäude wird das Lagerstättenwasser durch LKWs aus der Region angefahren. Ein sicherer Kreislauf? Der aufmerksame Beobachter achte auf den Riss im Boden, der sich von der Station bis zum Tor zieht! Der war wohl mal repariert worden. Mittlerweile ist es wieder ein breiter, ungesicherter Riss, der vergiftetes Lagerstättenwasser unkontrolliert versickern lassen würde.

Das waren beeindruckende Informationen von Menschen vor Ort. In der Region Rotenburg wird noch überwiegend „klassisch“ (konventionell) Gas gewonnen. Es ist vor allem das Lagerstättenwasser und dessen Folgen, dass den Betroffenen zu schaffen macht. Auch beim „unkonventionellen“ Gas-Fracking, das zusätzlich zur horizontalen Bohrung noch viele vertikale Bohrungen zulässt, wird dieses vergiftete Brauchwasser entstehen und muss „entsorgt“ werden. Bisher wird das Wasser einfach wieder in die Erde gepumpt ohne die (Langzeit) folgen zu berücksichtigen.

An dieser Informationsfahrt haben unter anderem folgende Mitglieder von Bündnis 90/Die Grünen teilgenommen:

  • Jan Philipp Albrecht (Mitglied des EU Parlaments),
  • Manuel Sarrazin (Mitglied des Deutschen Bundestags),
  • Jens Kerstan (Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft),
  • Martina Lammers (Direktkandidatin des Landkreis Harburg)

Sie werden sich als Volksvertreter in ihren Gremium und politischen Ebenen dafür einsetzen, dass Gas-Fracking verhindert wird. Sie wollen das Bergrecht zu Gunsten von mehr Kontrolle ändern. Dies beinhaltet u.a. Umweltverträglichkeitsprüfungen, Beteiligung der Gemeinden, Änderung der Beweislastumkehr im Schadensfall und die Behandlung des Lagerstättenwassers nach dem Abfallentsorgungsgesetz.

Den Bericht finden Sie hier noch einmal mit Bildern.

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